Unser Paule
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Mautlos aber nicht Mutlos
Mautlos aber nicht Mutlos

Prag, die Goldene - zum zweiten

Sonntag – die Tschechen besuchen ihre Hauptstadt und wir besuchen die Hauptstadt der Tschechen. Das sagt alles über die Menschenmassen, die Prag über sich ergehen lassen muss. Und – obwohl man dies weiß, wird man doch zusehends ungeduldiger. Wieso müssen die heute auch in Prag sein, haben doch das ganze Jahr Zeit dazu? Können die das nicht auf einen anderen Tag verschieben? Muss das ausgerechnet dann sein, wenn wir auch da sind? Es ist ungerecht – ich weiß das! Aber was soll ich gegen meine plötzlich aufkeimenden Vorurteile gegen die Hauptstadt von Tschechien machen?

Dabei hat sie das ganz und gar nicht verdient. Sie zeigt sich von ihrer besten Seite und dreht und wendet sich im Blau des Himmels, wie eine Jungfer, die ihr Brautkleid vor dem Spiegel anprobiert. 

Jungfer hin – Jungfer her. Es ist voll! Und das bekommen wir schon zu spüren, als wir mit der Drahtseilbahn von der Haltestelle Ujezd zum Petrin hinauffahren wollen. Da steht der Eifelturm der Tschechen. Den haben sie 1891 zur Weltausstellung dort im Maßstab 1:5 aufgebaut. Bei den Massen an Besuchern hat er die Herstellungskosten sicherlich schon mehrere Male eingespielt. 299 Stufen geht es nach oben und es wird ein grandioser Blick über die Stadt versprochen. Nun, wir warteten erstmal in einer über 100 Meter langen Menschenschlange, die auch mit der Drahtseilbahn nach oben wollte. Wie am Eingang zum Petersdom in Rom. Aber! Man konnte auch nach oben laufen. Da es noch nicht Mittag war und wir unseren heutigen Besichtigungstag in Prag erst starteten, wagten wir den Anstieg. Die Sonne schaute unserem Anstieg zu sehr zu und vergaß dabei die Heizung zurückzuschalten. Schweiß lief uns in Bächen die Stirn hinab und tropfte auf den Weg. Plötzlich ein Zwischenhaltepunkt der Seilbahn und sie fuhr gerade in diesen Haltpunkt ein. Wir spurteten die letzten Meter bergan und schafften es rechtzeitig vor dem Türschluss. Na also, wer sagt es denn? Das Glück ist mit den Tüchtigen oder mit denen, die bei 30 ° Celsius in Armin Harrys 100-m-Tempo den Berg hinaufrennen.

Oben angekommen – das gleiche Bild wie unten an der Seilbahnstation. Hundert Meter lange Menschenschlangen. Nur um dann 299 Stufen nach oben zu steigen? Ratet mal, was ich tat? Ich stieg natürlich nicht hoch. Warten ist nicht meine Stärke und erst recht nicht, wenn man schon auf der Spitze des Originals gestanden war. Und da war das einfacher, da gab es wenigstens einen Aufzug.

Ein paar Fotos und wir wanderten weiter zum Strahov Kloster. Dort soll es eine wunderschöne Bibliothek geben. Vielleicht konnte ich da mal hineinspitzen. Aber es war wie immer – es tat den Verantwortlichen leid am 18.06.2017 aus Renovierungsgründen die Bibliothek nicht öffnen zu können.

Unsere ganze Hoffnung auf die Schätze aus Pandoras Horn setzten wir auf den Besuch der Prager Burg. Alles perfekt, das Wetter war herrlich und vor dem Eingang zur Burg sahen wir – na was wohl? – mehrere hundert Meter lange Menschenschlangen. Sie standen alle vor einer Sicherheitskontrollstelle der Polizei an. Wir mussten unsere Taschen leeren, die Rucksäcke öffnen und den Inhalt dem strengen Auge des Gesetzes präsentieren. Nachdem mein Laptop, mein iPad, mein Regenschirm (wer den wohl da reingetan hat?), mein Taschenmesser, mein Fotoapparat als unverdächtig eingestuft wurden, durften wir die Kontrollstelle passieren. Bei den Temperaturen ist das Warten vor einer solchen Kontrollstelle zwar im wahrsten Sinn des Wortes schweißtreibend, aber auch beruhigend, wo in Zeiten wie heute ständig mir terroristischen Anschlägen auf sogenannte „weiche Ziele“ gerechnet werden muss. Die heutigen Terroristen scheuen ja jedes Aug-in-Aug, lassen sogar Kinder für sich Selbstmörderanschläge verüben. Was ist das für ein hinterhältiger Kampf! Mit solch düsteren Gedanken gepaart von Erleichterung über die staatliche Sorge um die Bürger beginnen wir die Besichtigung der Prager Burg.

Bald nach dem Durchgang stößt man nach dem Burghof auf das Portal der St.Veits-Kirche. Auch hier Menschenschlangen vor dem Portal. Später stellen wir uns an und kommen auch ziemlich zügig in die Kirche. Aber alles ist mit Seilen abgesperrt. Wer etwas mehr von der Kirche sehen will, also z.B. den Chorbereich oder die Seitenschiffe, der muss einen Obolus entrichten. Die Kirche ist schön, so schön wie viele gotische Kirchen auf der Welt. 

In das Goldene Gässchen kommen wir auch nicht, da auch hier Eintrittsgelder erhoben werden und wir sehen Kafkas Wohnhäuschen (… das blaue Haus mit der Nr. 22 …) nicht. 

Über die alte Schlossstiege gehen wir über die Mánes-Brücke zurück in die Altstadt und spazieren bis zum Republikplatz. 

Zwischendurch ein Halt am Franz-Kafka-Platz, an dem auch sein Geburtshaus steht. Ein Kaffee und ein kleines Stück Torte hilft mir nach mittlerweile 12 km Fußweg wieder auf die Beine, so dass ich die Kirche, die meinem Lieblingsapostel, Jakobus d. Ältere geweiht ist, aufsuchen kann. Über dem Portal ist ein riesiges Steinrelief angebracht, in dem er gleich zweimal zu bewundern ist. 

Nun noch zu Fuß zu meinem letzten Ziel in Prag: der John Lennon Mauer. Der geschichtliche Hintergrund für dieses Stück Mauer ist, dass sich vor der Wende die Fans von John Lennon versammelten, seine Lieder sangen und die Wand mit Lennon-, Beatles-Graffitis bemalten. Als wir nach langem Suchen auf der Halbinsel Kampa endlich dort gegenüber der französischen Botschaft ankamen, war die Enttäuschung groß. Jede Menge Menschen vor einer bunt beschmierten Mauer. Zwischen den Zeichen der Atomkraftgegner lugten ab und zu mal die Gesichter der Beatles hervor und die japanischen Mädchen ließen sich in aufreizend herzzerreißenden Posen, die sie am Fuße der Mauer einnahmen, von ihren Freundinnen oder Freunden ablichten. Mit vier Worten: Das muss man nicht haben. Jetzt sind es doch fünf Worte geworden.

 

 

Wir auf alle Fälle stiegen in unsere Tram der Linie 20 ein und suchten unser Heil bei einem guten Abendessen, wie gestern, im Restaurant Andél.

Unser heutiger Fußmarsch
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© Ulrich Schönbein