Unser Paule
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Mautlos aber nicht Mutlos
Mautlos aber nicht Mutlos

4. Tag - Sinsheim bis Speyer

Heute sind es nur noch wenige Kilometer bis Speyer. Um genau zu sein: ca. 40 km.

So bin ich erst um 10 Uhr vormittags an der Jakobskirche in Sinsheim. Ein modernes Kirchengebäude erwartet mich. Ich habe Glück und die Kirche ist geöffnet. An der Tür ist ein Schild auf dem steht, dass die Kirche täglich von 10 bis 11 Uhr geöffnet ist. Während der anderen Zeiten außerhalb der Gottesdienstzeiten ist der Kirchenschlüssel und der Stempel im Pfarrbüro, beim Hausmeister oder im nebenan gelegenen Kindergarten zu erhalten. Die Adresse und Telefonnummer sind jeweils angegeben.

 

 

 

 

 

Neben der Türe ist eine Relieftafel mit einem sehr schlanken St. Jakobus angebracht. Die Tafel wurde 1993 gefertigt und angebracht.

 

 

 

 

 

Der Stempel ist mit einer Kette am Stempel(?)Pult angeschlossen und zusätzlich mit Klebebändern an einem Pultbein gesichert. Ohne die Klebebänder aufzumachen müsste sich der Stempelinteressierte tief verneigen, um den Stempel zu benutzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Kirchenraum ist nüchtern, modern.

Ein paar Kilometer weiter unter der vielbefahrenen Autobahn durch und ich bin in Dühren, einem etwa fünf Kilometer entfernt liegenden Ortsteil von Sinsheim. Die St. Nikolauskirche liegt oberhalb der Hauptstraße auf dem Kirchenhügel. Verschlossen wie so oft ist auch diese Kirche, so dass ich das gerühmte Glasfenster, das unseren Pilgerapostel und den Apostel Judas Thadäus zeigt, nur von außen erahnen und nicht bewundern kann. Den Stempel erhalte ich in der Metzgerei Ohr, die in der Hauptstraße gleich neben dem Aufgang zur Kirche liegt. Ein etwas ungewöhnlicher Ort für einen Pilgerstempel, aber im Gegensatz zur Kirche ist die Metzgerei geöffnet.

Vor Mühlhausen komme ich an einem mir in der Form ungewohnten Kreuz vorbei. Es handelt sich um das sog. Russenkreuz. Es ist die Spende eines glücklich aus dem napoleonischen Russlandfeldzug heimgekehrten Mühlhausener Soldaten. Die Form des Kreuzes nennt man „Arma-Christus-Kreuz“. Es zeigt die Marterwerkzeuge der Leidensgeschichte und die Wundmale Jesu. Sie bilden die „Arma“ (Waffen), mit denen Jesus am Kreuz Tod und Hölle besiegt hat.

In der Nikolauskirche in Rettigheim bewundere ich eine Jakobusstatue, deren Original aus spätgotischer Zeit verlorenging. Die Statue wurde von dem Künstler Peter Vesenjak nachgeschnitzt und im Juni 2009 neu aufgestellt.

Von Rettigheim aus fahre ich zu einem der reizvollsten Kulturstationen auf dem Rothenburg-Speyer-Weg: die Wallfahrtskirche auf dem Letzenberg. Allerdings hatte ich mit solch starken Steigungen kurz vor der oberrheinischen Tiefebene nicht gerechnet. Schon in Malsch muss ich kräftig die Höhe hinaufstrampeln, das setzt sich außerhalb des Ortes in den Weinbergen nochmals verstärkt fort.

Oben angekommen bietet sich mir das Bild der Kapelle. Einmalig schön in meinen Augen. Aber??? Natürlich verschlossen. Im Pilgerflyer über den Jakobsweg Rothenburg o.d. Tauber bis Speyer stand, dass man den Stempel in der St. Nikolauskirche und in der 1903 eingeweihten Kapelle zu Ehren der Schmerhaften Mutter auf dem Letzenberg erhalten könne. Jetzt lese ich, dass ich für den Stempel vom Letzenberg zurück nach Malsch zur dortigen Pfarrkirche St. Juliana müsse. Die Kapelle sei am Samstag, Sonntag und Feiertag geöffnet. Also liebe Pilger dann richtet es so ein, dass ihr an einem Wochenende oder an einem Feiertag zum Letzenberg kommt. Ich bin ziemlich enttäuscht, dass man an so einem Ort vor verschlossenen Türen stehen muss. Ob es da keine anderen Lösungen gibt? Denn eine pilgerfreundliche Lösung ist wünschenswert, denn wie auf der Homepage der Katholischen Seelsorgeeinheit Letztenberg steht, stellt die Kapelle eine regional bedeutsame Wallfahrtskapelle in der Region dar. Auch aus diesem Grund führt das wiederbelebte Teilstück des Jakobswegs von Rottenburg ob der Tauber nach Speyer über den Letzenberg.

So fahre ich eben den Berg wieder hinunter und erlebe die gleiche Pilgerverschlossenheit in St. Leon Rot und in Reilingen, wo man einmal den Stempel im Pfarramt St Leon Rot und zum anderen in einem Kiosk in der Hauptstraße erhalten soll. Beide Male leider Fehlanzeige.

Nur noch 12 km durch die oberrheinische Flussebene bis Speyer. Diese letzten Kilometer sind bequem zu fahren aber eher langweilig. Schließlich und endlich erreiche ich die Südseite des Domes von Speyer, genannt der Kaiserdom, weil im Dom alle salischen Kaiser, aber auch staufische und habsburgische Herrscherinnen und Herrscher hier ihr Grab gefunden haben.

Vom Domplatz durch die Maximilianstraße kommt man an einer überlebensgroßen Pilgerstatue, die Bischof Anton Schlembach der Stadt Speyer 1990 zur 2000-Jahrfeier schenkte.

Der Pilger ist, den Dom im Rücken, mit Blick Richtung Santiago de Compostela aufgestellt. Er steht da, mit Pilgermantel, breitkrempigem Hut, und läuft mit ausholendem Schritt auf bloßen Füßen. Die rechte Hand hält den Pilgerstab, die andere Hand den Mantel. Die Augen blicken in die Weite, als ob sie das Ziel schon erspähten: Santiago de Compostela. Hier beim Bronzepilger beginnen die weiterführenden Jakobswege durch das Elsaß, durch Burgund sowie durch Lothringen.

Ich bin am Ziel meines diesjährigen Weges und mir bleibt nur noch mit dem Zug zurück nach Sinsheim zum Wohnmobil zu fahren.

 

Ankommen - sich hinsetzen und ausruhen. Eine warme Dusche. Ein gutes Essen. Zufriedenheit. Sich müde, jedoch außerordentlich wohl fühlen.

Wir alle sind Pilger, die auf ganz verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zuwandern. (Antoine de Saint-Exupéry)

 

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© Ulrich Schönbein