Unser Paule
Unser Paule
Mautlos aber nicht Mutlos
Mautlos aber nicht Mutlos

3. Tag - Klepsau bis Sinsheim

Am Morgen nach einem optimalen Frühstück fahre ich zur heutigen fast 100 km Etappe bis Sinsheim los.

Ich sehe vor mir das neue Krautheim mit seiner Burg oben am Berg. Die kenne ich von früheren Besuchen. Also erspare ich mir die Auffahrt zu dem Bergsporn, auf dem die Burg liegt und fahre weiter nach Altkrautheim am anderen Ufer der Jagst.

Über Gommersdorf, Marlach, Westernhausen und Bieringen komme ich zum Zisterzienserkloster Schöntal, der „Heiligen Stadt Jerusalem des Jagsttales“, mit dessen Ausbau Abt Benedikt Knittel nach 1700 begann. Der Name des Abtes allerdings hat rein gar nichts mit den sog. Knittelversen zu tun.

Den begehrten Stempel gibt es an der Rezeption des „Klosterhotels“. Der Altarraum der Kirche ist mit einem schmiedeeisernen Gitter (Lettner) vom übrigen Kirchenraum abgetrennt.

Die nächste Ortschaft, Berlichingen, weist darauf hin, dass ich mich der sog. Götzenburg in Jagsthausen, der Burg des Götz von Berlichingen nähere. Berühmt gemacht hat den Götz von Berlichingen seine Handprothese aus Metall, deshalb auch die Bezeichnung: der Ritter mit der eisernen Hand. Zu weiterer Berühmtheit gelangte er durch das Goeth´sche Drama mit dem darin enthaltenen Auspruch, dem sog. schwäbischen Gruß. Heute werden jedes Jahr von der Witwe des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, Alexandra Freifrau von Berlichingen, die Jagsthausener Burgfestspiele veranstaltet, bei denen das Drama um ihren Vorfahren Götz von Berlichingen mit wechselnder Besetzung aufgeführt wird.

Neben der Götzenburg finde ich in Jagsthausen die Jakobskirche. Vor der Kirche grüßt erwartungsvoll eine Statue des Pilgerapostels. In der Kirche ist sein Bildnis an der Emporebrüstung inmitten der Porträtreihe der übrigen Apostel zu sehen.

Ein Stempel liegt in der Kirche auch aus, so dass mein Pilgerausweis um einen Stempel reicher wird.

Weiter im Jagsttal auf nahezu vollkommen ebener Strecke fahre ich an Widdern vorbei und bin nach etwa weiteren 14 km in Möckmühl. Das Rathaus, in dem man einen Stempel erhalten soll, hat geschlossen. Die der gegenüber der Kirche liegende Pension, die in ihrem Fenster mit dem Schild „Stempelstelle“ wirbt, hat ebenfalls geschlossen. Also dann eben keinen Stempel und ich fahre weiter bis ich auf Neudenau zufahre. 

Vor Neudenau steht an der rechten Seite des Weges die Kapelle des St. Gangolf. Gangolf wird als Schutzherr von Quellen und als Patron von Reitern, Pferden und Hausvieh verehrt. Die Kapelle ist verschlossen, aber jemand vom Nachbarhaus öffnet mit einem riesigen Kirchenschlüssel das mit unzähligen Hufeisen geschmückte Portal.

Der Mittelschrein des Altars enthält drei Standfiguren: St. Gangolf mit Hut, Stab und Schwert, St. Mauritius und den mit dem Schwert seinen Mantel teilenden Hl. Martin.

Auf einem Seitenaltar werden eine alte hölzerne Johannesschüssel (Schüssel mit dem Kopf Johannes des Täufers) sowie eine kleine vollplastische Figur des Hl. Veit im Kessel aufbewahrt. Beim Betrachten überläuft mich ein kleiner Schauer.

Seit 1923 gibt es am zweiten Maisonntag den sog. Gangolfsritt. Zur Pferdesegnung kommen die Reiter in traditionellen Kostümen, um ihre Tiere unter den Schutz Gottes und des Heiligen zu stellen.

Ein weiterer Stempel liegt in einem Holzgefäß und ich bediene mich zugunsten meines Credential.

15 km später komme ich in Bad Wimpfen an. Zuerst halte ich an der Kirche St. Peter im Tal. Daneben liegen die Räume des ehem. Klosters, an dessen Pforte der Pilgerstempel zu erhalten ist. Das Kloster wird heute vom Malteserorden als Exerzitienhaus geführt und dient auch als Herberge für Jakobuspilger.

Kurz darauf beginnt der schweißtreibende Aufstieg auf in den Kraichgau. Der Jakobsweg führt von Osten nach Westen über diese hügeligen Hochebenen. Ich bin froh die steile Fahrstrecke in Bad Wimpfen hinter mir zu haben, aber die Hügelauf- und Hügelabfahrten wollen einfach kein Ende nehmen.

Vor Bad Rappenau kann ich dann bei einer zügigen Bergabfahrt etwas ausschnaufen und lande direkt auf dem Marktplatz von Bad Rappenau. In der Kirche wird mir entgegengeworfen: „Wir beginnen jetzt gleich mit einer Probe“. Meine Antwort, dass ich bestimmt störe, fällt auf keine große Gegenliebe. „Wir wären gern unter uns, wenn wir proben“, höre ich noch im Hinausgehen. Eine Tasse Kaffee und ein großer Eisbecher hellen meine Stimmung wieder auf und ich fahre die letzten 20 km immer hügelauf und hügelab. Nach mehr als acht Stunden Radfahren und 96 anstrengenden Kilometern komme ich in Sinsheim an.

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© Ulrich Schönbein